Wie verhalten sich die Erkrankten?

Weit mehr als eine Million Menschen in Deutschland sind abhängig von Medikamenten. Insbesondere die schlafanstoßenden Beruhigungsmittel können bei längerfristigem Gebrauch in eine Abhängigkeit hineinführen.

Zur Verminderung von Spannungszuständen oder von Angst, manchmal auch zum Anstoßen des Nachtschlafes werden diese Beruhigungsmittel von manchen Ärzten häufiger verschrieben. Insbesondere Frauen neigen dazu, diese Medikamente leichtfertiger einzusetzen, was im Verlauf der Jahre zur Entwicklung einer Abhängigkeit führen kann. Viele Betroffene sind Frauen des mittleren und auch des höheren Lebensalters.

Die Erkrankten sehen sich genötigt, im Verlauf der Erkrankung die eingenommene Dosis zu erhöhen. Sofern die verschreibenden Ärzte nicht bereit sind, weitere Rezepte auszustellen, üben sie manchmal auf die verschreibenden Ärzte Druck aus. Andere Patientinnen und Patienten gehen zu mehreren Ärzten parallel, um so eine größere Anzahl von Rezepten zu erhalten. Je weiter die Erkrankung fortgeschritten ist, desto gereizter reagieren einige Betroffene, wenn sie auf den umfangreichen Medikamentenkonsum kritisch angesprochen werden. Diese Gereiztheit ist ein Ausdruck der Angst vor dem Entzugssyndrom, dass diese Patientinnen und Patienten von früheren Phasen der Dosisreduktion her in der Regel bereits gut kennen.

Wie verhalten sich Angehörige, Kollegen und Freunde?

Medikamentenabhängigkeit ist - noch stärker als die Alkoholabhängigkeit - ein heimliches, oft ein vollständig verheimlichtes Leiden.

Das Umfeld der Erkrankten erfährt oft über Jahre und Jahrzehnte nichts von den Sorgen und Problemen der Betroffenen. Leider tragen die Angehörigen, Kollegen oder Freunde oft zu dieser Verheimlichung bei, indem sie wegsehen, wenn größere Medikamentenmengen angeschafft werden oder wenn zu ungewöhnlichen Zeiten Beruhigungsmittel eingenommen werden.

Günstig ist es, wenn Angehörige ihre Verwunderung und ihre Sorge bezüglich des umfangreichen Medikamentenkonsums offen aussprechen. Oft ist es möglich, mit dem Betroffenen zu verabreden, ein zieloffenes klärendes Gespräch in einer Suchtberatungsstelle oder direkt in einer Suchtmedizinischen Ambulanz zu führen. Hier wird von sozialarbeiterischen oder ärztlichen Fachkräften die Situation der Betroffenen fachgerecht aufgegriffen und die Motivation für Schritte heraus aus der Abhängigkeit unterstützt.

Im Vorfeld eines solchen Gespräches ist es wichtig den Betroffenen zu vermitteln, dass es sich zunächst lediglich um einen ambulanten Termin handelt. Inwiefern eine stationäre Behandlung erforderlich ist, kann bei einem solchen ambulanten Gespräch dann freibleibend besprochen werden.

Was sind die Ursachen der Abhängigkeit?

Alle Medikamente, die eine Abhängigkeit herbeiführen können, wirken sich auf das seelische Befinden der Patientinnen und Patienten aus. Sie vermindern die Angst und die innere Anspannung, manchmal vermindern sie auch das Schmerzempfinden. Werden solche Medikamente über Jahre hinweg wiederholt eingenommen, lernt der Patient zunehmend den Unterschied zwischen dem angstarmen, anspannten, oft auch von Schmerzen befreiten Zustand unter Medikamenten gegenüber dem medikamentenfreien Zustand intensiver zu unterscheiden. Der Organismus stellt sich zunehmend auf "sein" Medikament ein. Er lernt, besonders entlastende Aspekte der Medikamentenwirkung intensiver wahrzunehmen. Gleichzeitig werden unerwünschte Medikamentenwirkungen in der Wahrnehmung unterdrückt. Dieser über Jahre laufende Prozess wird "Sensitisierung" genannt. Die Sensitisierung entspricht der Ausbildung eines Suchtgedächtnis`. Dieses entwickelt sich im Laufe von Jahren und Jahrzehnten und bleibt ein Leben lang erhalten.

Nebenher entwickelt sich im Laufe der steigenden Medikamentendosis eine körperliche Abhängigkeit. Diese körperliche Abhängigkeit führt dazu, dass das Medikament nicht abrupt abgesetzt werden kann, ohne dass Entzugserscheinungen auftreten. Patientinnen und Patienten nehmen dann die Schmerzmittel eigentlich im Wesentlichen nur noch ein, um ein Entzugssyndrom zu vermeiden. Um es sicher zu vermeiden, sind sie in der Gefahr, die Dosis weiter zu erhöhen. Hier entsteht ein Teufelskreis, aus dem oft nur mit professioneller Hilfe ausgestiegen werden kann.

Welche Behandlungsmöglichkeiten der Medikamentenabhängigkeit gibt es?

In der ersten Behandlungsphase geht es oft darum, die patientenseitige Motivation für einen Ausstieg aus dem abhängigen Konsum zu unterstützen. Auch wenn dies zunächst manchmal nicht so scheinen mag hat doch jede Person, die abhängig Medikamente konsumiert, sehr wohl auch eine Vorstellung von den Nachteilen des eigenen Verhaltens. Im motivierenden Gespräch wird der Betroffene unterstützt, seine Situation umfassender darzulegen. Er erhält Hilfestellung, auch die negativen Auswirkungen des eigenen Konsumverhaltens beim Namen zu nennen und entsprechende Konsequenzen ins Auge zu fassen.

Die zweite Behandlungsphase besteht darin, dass der Umfang des abhängigen Konsums schrittweise reduziert wird. Im Endeffekt gelingt eine stabile Lebensführung meistens am Besten, wenn vollständig auf das Suchtmittel verzichtet werden kann. Dieses Ziel ist bei Medikamentenabhängigkeit manchmal nur durch eine stationäre Entzugsbehandlung zu erreichen. Diese kann unproblematisch auf Stationen des qualifizierten Alkoholentzuges durchgeführt werden. Solche Stationen gibt es z. B. in der Hans-Prinzhorn-Klinik in Hemer oder auch in der LWL-Klinik in Dortmund.

Wenn die Entzugsphase auf einer qualifizierten Suchtmedizinischen Station durchgeführt wird, kommt dem Patienten eine Vielzahl therapeutischer Angebote zur Hilfe. Gespräche mit dem Sozialdienst, Ergotherapie, Bewegungstherapie, Entspannungsverfahren und der Kontakt zu Selbsthilfegruppen sind neben der ärztlichen und der pflegerischen Behandlung feste Bestandteile einer solchen mehrdimensionalen multiprofessionellen Behandlungsform.

Bei leichten Erkrankungsformen und wenn ein gutes soziales Umfeld vorhanden ist, kann die Entzugsphase auch ambulant erfolgreich durchlaufen werden. Ob dies der Fall ist, kann vorab z. B. in einer Suchtmedizinischen Ambulanz geklärt werden. Die Entzugsbehandlung wird von der Krankenkasse bzw. von der Krankenversicherung problemlos finanziert.
Nachdem im Entzug die körperliche Abhängigkeit überwunden wurde, gilt es, die Bedeutung der psychischen Abhängigkeit zu vermindern. Dies geschieht entweder im Rahmen klassischer Entwöhnungsbehandlung in Form von medizinischer Rehabilitation Sucht. Sie wird von der Rentenversicherung oder auch von der Krankenkasse bezahlt. Diese Form der Hilfe wird z. B. vom LWL-Rehabilitationszentrum Ruhrgebiet angeboten. Bis zu 16 Wochen vollstationärer Zeit stehen zur Verfügung, um den Abstand vom Suchtmittelkonsum so groß werden zu lassen, dass ein Rückfall zunehmend unwahrscheinlich wird. Die Zeit wird intensiv dazu genutzt, mit nonverbalen Therapieformen, mit Gruppen- und mit Einzeltherapien die Fähigkeiten des Erkrankten zu stärken, ein zufriedenes suchtmittelfreies Leben längerfristig führen zu können. Hier geht es selbstverständlich auch um die Wiedererlangung gesunder Anteile im Alltagsleben wie zum Beispiel um die Verbesserung der körperlichen Fitness, die (Wieder-)Eingliederung in Familie, Beruf und in gesellschaftliche Aktivitäten.

Sofern eine gravierende Depression oder eine anderweitige psychische Erkrankung in die Medikamentenabhängigkeit hineingeführt hatte, bedarf es oft vor oder auch nach der medizinischen Rehabilitation der gezielten längerfristigen Psychotherapie. Bitte klären Sie mit den behandelnden Ärzten spätestens während der qualifizierten Entzugsbehandlung, welche dieser Behandlungsformen und ggf. in welcher Reihenfolge für Sie angemessen sind.

Nach der Motivation, der Entzugsphase und der Entwöhnungsphase schließt sich als vierter Abschnitt die Nachsorge an. Hier gilt es, dass in der Behandlung und in der Rehabilitation Erreichte langfristig zu sichern.
Sofern Sie die Entzugs- und die Entwöhnungsphase in der Nähe Ihres Wohnortes durchlaufen haben, ergeben sich bei dem Start in die Nachsorgephase in der Regel wenig Probleme. In diesen Fällen konnten Sie ja schon während des Entzuges und besonders während der Entwöhnungsphase Kontakt zu Ihrem häuslichen Lebensumfeld aufnehmen. Ihr Lebensumfeld konnte so an den Fortschritten, die Sie während der Behandlung gemacht haben, teilhaben und sich auf die neuen suchtmittelfreien Verhältnisse einstellen.

In der Nachsorgephase können neben den speziellen Nachsorgegruppen einerseits langfristige Kontakte zu Selbsthilfegruppen und andererseits unterstützende Gespräche mit dem Sozialdienst oder mit dem ärztlichen Dienst einer Suchtambulanz oder einer Suchtberatungsstelle hilfreich sein. Welchen Umfang diese verschiedenen Komponenten haben, ist immer im Einzelfall zu entscheiden. Dies wird am besten während der medizinischen Rehabilitation geklärt.

So erreichen Sie uns

LWL-Klinik Hemer
Hans-Prinzhorn-Klinik
Frönsberger Straße 71
58675 Hemer
Tel.: 02372 861-0
Fax: 02372 861-100

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