Wen betrifft es?

Mediziner wissen oft nicht, wie häufig vor allen Dingen Frauen (95 % aller Erkrankten sind weiblich) in krankhaft übersteigerter Weise hungern und abnehmen (wollen). Anorexie ist ein Leiden im Verborgenen, eine heimliche Erkrankung. Weiter unten wird davon die Rede sein, dass schon das Ansprechen, das Offenlegen des Problems ein erster Schritt zu seiner Lösung sein kann.

Schätzungen gehen davon aus, dass sich 0,2 - 2 % aller Frauen verzweifelt um Schlank- und Magersein bemühen. Sie leiden an der Fehlannahme, zu dick zu sein. Den angestrebten Gewichtsverlust erreichen Betroffene durch extreme Diäten, selbst herbeigeführtes Erbrechen, Abführmittel, exzessiven Sport und Appetitzügler.

Die extreme Angst vor einer Gewichtszunahme beherrscht alles Denken, Fühlen und Handeln. Es besteht die Paradoxie, dass Magersüchtige, denen der eigene Körper und die Nahrung scheinbar nichts bedeuten, sich praktisch pausenlos mit ihrer Körperlichkeit und Ernährung beschäftigen, manchmal sogar Nahrungsmittel horten, bis sie gänzlich verdorben sind. Für Außenstehende schwer verständlich ist, dass die sehr mageren Erkrankten ihren eigenen Körper als unförmig und "fett" massiv fehl einschätzen. Der Fachmann spricht von Körperschema-Störungen.

Der Unwillen, im Beisein Dritter zu essen, die Unzufriedenheit mit der eigenen Körperlichkeit, manchmal auch Selbstunsicherheit und Niedergeschlagenheit führen dazu, dass sich die Erkrankten häufig sozial isolieren. Im Sinne eines Teufelskreises ist Anorexie häufig vergesellschaftet mit Depressionen und Zwangsstörungen, was dazu führt, dass die Betroffenen sich wegen ihrer schlechten Verfassung immer seltener in Gesellschaft begeben, nichts mehr unternehmen. Komplizierend tritt ferner häufig ein Missbrauch von Alkohol, Tabletten und Drogen hinzu.

Was sind die Ursachen?

Auffassung zur Krankheitsursache (Ätiologie) gibt es nicht. Es gibt jedoch unterschiedliche Betrachtungsweisen der Störung, die jeweils etwas für sich haben:

Anorexie betrifft überwiegend Mädchen und Frauen und tritt zumeist um die Zeit der Geschlechtsreife (Pubertät) erstmals in Erscheinung. Psychoanalytiker vermuten deshalb eine Art unbewusster Abwehr eigener Sexualität bzw. der Annahme der Rolle, "Frau" zu sein. Ein besonderer Aspekt ist auch, dass einzelne anorektische Frauen Erfahrungen sexuellen Missbrauchs berichten. In diesem Fall erscheint es nur zu verständlich, dass sich die Betroffenen weigern, weibliche Formen, Geschlechtsmerkmale und erotische Signalwirkungen bei sich zu akzeptieren.

Familientherapeuten wiederum interpretieren Anorexie als einen Kampf um innerseelische und zwischenmenschliche Selbstbehauptung. Anorektische Menschen sind in dieser Betrachtungsweise im Kern ihrer Persönlichkeit eher unsicher, fühlen sich ohnmächtig und von anderen dominiert. In der Kontrolle des eigenen Körpers, der Überwindung des Hungergefühls erleben sie sich statt dessen als stark und eigenständig. Sollte dieses Erklärungsmodell bei einem einzelnen Erkrankten zutreffen, so wäre es fatal, ihn zum Essen zu "zwingen", weil er sich dann einmal mehr als ohnmächtig erleben würde.

Schließlich gibt es auch Hinweise auf Störungen im Gleichgewicht körpereigener Hormone bzw. in Regelkreisen von innersekretorischen Drüsen und einen Mangel an bestimmten Botenstoffen im Gehirn, die für ein stabiles Essverhalten und ausgeglichene Stimmung verantwortlich sind. In letzterem Fall wäre dies unter anderem der Botenstoff (Neurotransmitter) Serotonin. In jedem Fall ist es angeraten, dass sich der Arzt über die hormonelle Situation ein Bild macht, aber auch andere Mangelzustände beispielsweise im Wasser- und Elektrolythaushalt der Patientin ausgleicht. Ein medikamentöser Behandlungsversuch mit einem selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmer kann angezeigt sein, weil diese Medikamente einen normalisierenden Einfluss auf das Essverhalten haben, ohne Heißhunger hervorzurufen, und die deprimierte Stimmung anheben. Auch haben sie einen günstigen Einfluss auf selbstverletzende Verhaltensweisen, wie sie bei anorektischen Patientinnen ebenfalls immer wieder beobachtet werden können.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Da es nicht die eine Theorie gibt, die alles erklärt, fehlt auch der eine "Königsweg" für eine erfolgreiche Behandlung. Es gibt jedoch einige erfolgversprechende Schritte zur Überwindung der Krankheit Magersucht:

  • Angst- und schuldfreies Akzeptieren, dass es sich bei der Magersucht um Krankheit, nicht etwa eine schlechtes Verhalten oder Unart handelt.
  • Verstehen und Akzeptieren der Symptomatik als notwendigen Schritt zur Veränderung, was auch immer ein hohes Maß an Offenheit, darüber zu reden, einschließt.
  • Förderung von Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit als Voraussetzung für psychische und physische Gesundheit. Das Gespräch über Bezugspersonen und Lebenssituationen des Anorexie-Kranken sollte nicht das Essverhalten zum Dreh- und Angelpunkt machen. Dies ist eine Kommunikationsfalle, in die schon der Erkrankte selbst getappt ist. Essen ist wichtig, aber nicht der zentrale Daseinszweck.
  • Verbesserung von Selbstsicherheit, Selbstbewusstsein, Kontakt- und Beziehungsfähigkeit, letztlich verbunden mit einer Stärkung der persönlichen Autonomie.
  • Dies mündet ein in ein Mehr an Selbständigkeit, u.U. auch mit altersentsprechender Unabhängigkeit, zum Beispiel durch Lösung aus dem Elternhaus bei jungen an Anorexie erkrankten Frauen.
  • Abbau von Ritualen im Umgang mit Nahrungsmitteln und Förderung von Genuss und Erlebnisfähigkeit, möglichst in einem angstfreien, entspannenden Rahmen.

Wo sind Beziehungsfallen?

Angehörige und Ärzte scheitern bei essgestörten Patientinnen häufig an der Doppelbotschaft "Hilf mir, aber lass mich alles selber machen. Kontrolliere mich nicht, aber sei immer für mich da". Eine solche Paradoxie kann man auflösen, in dem man sie benennt, und so den Erkrankten die Zwickmühle verdeutlicht, in die sie Angehörigen und Therapeuten bringen. Ein ziemlich sicheres Anzeichen dafür, dass man schon in diese Beziehungsfalle verstrickt ist, ist das Empfinden von Wut auf die Patientin, weil sie sich so hartnäckig uneinsichtig und selbstschädigend verhält, oder von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen, weil man es nicht geschafft hat, sie zur Einsicht und Verhaltensänderung zu bringen.

Eine andere wichtige Beziehungsfalle ist das Eingehen von "Bündnissen" mit anderen Bezugspersonen wie Lehrern, Partnern, Freunden, Therapeuten hinter dem Rücken der Erkrankten, die diese nur als Einkreisung erleben kann, als Unaufrichtigkeit und Kontrolle. So resultiert aus dem Bestreben der Erkrankten nach Autonomie und Unabhängigkeit nur ein fruchtloser Machtkampf. Den "gewinnen" die Erkrankten, weil man sie nicht kontrollieren kann. Daher ist die Erkenntnis ganz wichtig, dass Essgestörte sich erst einmal gar nicht anders verhalten können und nicht andere mit dem süchtigen Hungern "ärgern" wollen.

Welche medizinischen Maßnahmen können ergriffen werden?

Ein erster wichtiger Schritt ist getan, wenn die Erkrankten ihre Essstörung ansprechen können. In möglichst neutralen Begriffen sollte der Arzt die Symptome benennen, zum Beispiel als Essanfall, selbst herbeigeführtes Erbrechen oder Abführen. Die Erkrankten tun dies häufig in sehr aggressiver Terminologie wie "scheißen" und "kotzen". Eine Offenlegung in der neutralen Atmosphäre des ärztlichen Sprechzimmers birgt die Chance der Entlastung und der Förderung von Verhaltensänderungen. Diese erfordern allerdings häufig ambulante und / oder stationäre Psychotherapie bzw. psychiatrische Behandlung. Beispielsweise gibt es in der Verhaltenstherapie (siehe dort) gut ausgearbeitete und in ihrer Effektivität belegte Behandlungsansätze von Essstörungen.

Im Falle extremer Abmagerung bedarf es einer gründlichen körperlichen Untersuchung, des Ausgleichs von Mangelzuständen, des Ausschlusses von Magen-Darm-Erkrankungen und das behutsame Wiederheranführen an ausreichende Ernährung. Anorektisch Erkrankte haben ihren Stoffwechsel gleichsam auf Sparflamme trainiert, so dass eine "normale" Nahrungsaufnahme anfangs mit erheblichen Komplikationen und Unwohlsein verbunden ist. Grundlegende Behandlungsziele sind die Normalisierung des Verhältnisses zur eigenen Person, zum eigenen Körper und zu einem vertretbaren Körpergewicht.

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