Wen betrifft es?

Die Bulimie ist eine heimliche, verheimlichte Störung. Sie betrifft zu 90 % junge Frauen. Wieviele betroffen sind, lässt sich schwer sagen; 1 bis 2 % der Bevölkerung haben irgendwann Probleme mit Heißhungeranfällen und anschließenden gewichtsregulierenden Maßnahmen wie Erbrechen, extremen Diäten, Missbrauch von Abführmitteln, Appetitzüglern und Diuretika. Abzugrenzen von der Ess-Brechsucht sind Menschen, die an Heißhungeranfällen leiden. Man spricht von "binge eating disorder". Da bei jenen nicht sofort gewichtsregulierende Maßnahmen erfolgen, resultiert starkes Übergewicht.

Was für Krankheitszeichen treten auf (Symptomatologie)?

An Bulimie Erkrankte sind gedanklich über lange Zeiten des Tages mit dem Essen beschäftigt. Essanfälle wechseln mit dem Bestreben, die aufgenommene Nahrung wieder los zu werden, sei es durch Hungerperioden, Abführen, Ausschwemmen oder Erbrechen.

Die Essanfälle finden im verborgenen statt, werden so lang wie möglich schamhaft verschwiegen. Lebensmittel werden gehortet, versteckt, und für die Bevorratung wird viel Geld ausgegeben. Nach einer gierigen Essattacke folgen regelhaft deprimierte Verstimmung, Schuldgefühle und die krankhaft übersteigerte Besorgnis um die ruinierte Figur und das zunehmende Körpergewicht.

Tatsächlich ist es bei bulimischen Patientinnen allerdings im Unterschied zur Magersucht (Anorexie nervosa) zumeist so, dass ein durchschnittliches oder leicht unterdurchschnittliches Gewicht gehalten wird, wenn auch immer wieder die Gefahr besteht, dass es durch Abführen, Ausschwemmen und Erbrechen zu Störungen im Stoffwechsel verbunden mit einer Entgleisung des Wasser- und Elektrolythaushaltes kommt.

Was sind die Ursachen?

Es gibt bislang kein allgemein anerkanntes und in jeglicher Hinsicht gesichertes Modell zum Verständnis der Bulimie. Diskutiert werden zum einen lebensgeschichtliche-biographische Faktoren: In der familiären Situation bulimischer Frauen bestehe oft eine diffuse, unausgesprochene Atmosphäre der Unsicherheit, inwieweit auf diesen oder jenen Elternteil unbedingter "Verlass" ist. Relativ häufig werden die Mütter als überfürsorglich und einengend beschrieben, die Väter als wenig präsent oder gefühlsmäßig zwiespältig bzw. abweisend. Das Familienklima sei gekennzeichnet durch Kontrolle, Konfliktvermeidung und Überengagement; Abgrenzung ist den bulimischen Patientinnen kaum möglich. In einer Atmosphäre, in der die individuellen Bedürfnisse der später bulimisch erkrankten Frauen nicht respektiert werden, werde von diesen auch die Wahrnehmung körpereigener Signale wie Hunger und Sättigung verlernt. Essen werde in diesen Familien häufig nicht als selbstverständliches basales Bedürfnis angesehen, sondern als Mittel der Ablenkung, Belohnung, Entspannung und zur Aufrechterhaltung traditioneller Normen, zum Beispiel, indem am gemeinsamen Mittagstisch eine Pseudoharmonie gepflegt wird.

Andere Betrachtungsweisen zum Verständnis der Bulimie heben auf persönliche Risikofaktoren ab. Menschen mit Ess-Brechattacken litten häufig an wenig ausgeprägtem Selbstwertgefühl, Selbstunsicherheit und Depressivität. Sie seien häufig in ihrem seelischen Befinden abhängig davon, wieviel Aufmerksamkeit und Wertschätzung ihnen andere entgegenbringen, was im Umkehrschluss auch mit sich bringe, dass mit Enttäuschung der manchmal zu großen Erwartungen an Mitmenschen erhebliche Verlust- und Trennungsängste einhergehen. Depressive Verstimmtheit und Hilflosigkeit würden sich dann in gestörtem Essverhalten entladen. Es bestünden ferner Defizite in der Selbstwahrnehmung von Körpersignalen wie Hunger und Sättigung. Diese würden kaum oder verzerrt wahrgenommen. Gewichtskontrollen und Diäten vermittelten ein Gefühl scheinbarer Sicherheit, weil es den Erkrankten erlaube, gefühlsmäßige und körperliche Bedürfnisse vermeintlich zu kontrollieren.

Neben lebensgeschichtlichen und familiären Faktoren gibt es, offenbar ähnlich wie bei der Magersucht, auch bei den Ess-Brechattacken eine körperliche Disposition. Deren Erforschung bzw. Bewertung durch den behandelnden Arzt ist aber schwierig, weil mit der Bulimie selbst erhebliche Folgestörungen im Bereich innersekretorischen Drüsen bzw. des Hormonhaushaltes aber auch eine Vielzahl anderer Stoffwechselentgleisungen, einhergehen können. Insofern stehen Ärzte häufig vor dem Problem zu entscheiden, was Ursache der Essstörung und was an den gestörten körperlichen Befunden deren Auswirkung ist. In jedem Fall wird sich der behandelnde Arzt ein Bild von der körperlichen Situation aber auch vom Wasser- und Elektrolythaushalt und vom Hormonstatus machen. Letzteres unter anderem auch deshalb, weil bei schweren Essstörungen die Periode ausbleibt (Amenorrhoe) und / oder weil durch die massiven Calciumverluste infolge des Missbrauchs von Abführmitteln oder Erbrechen die Knochen abnorm in ihrer Struktur aufgelockert und damit brüchig sein können (Osteoporose).

Welche Behandlungsmöglichleiten gibt es?

Die Behandlung von Essstörungen allgemein und Bulimie speziell ist schwierig und oft langwierig. Erste Eingangsvoraussetzung ist, dass die Bulimie von den Betroffenen selbst und ihren Angehörigen als Krankheit anerkannt wird, nicht länger schamhaft verschwiegen oder verleugnet wird. Zum offenen Ansprechen der Probleme durch die Betroffenen und deren Angehörige gehört aber auch, dass Probleme in der Familie "auf den Tisch" kommen. Dabei bewährt sich der "runde Tisch", d. h. mit dem Arzt oder Therapeuten kommen alle Beteiligten zusammen, sprechen über sich, die eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Ängste und Beziehungen innerhalb des Familienverbandes, natürlich auch über das gestörte Essverhalten. Es werden verbindliche Vereinbarungen über das gegenseitige Umgehen miteinander getroffen. Eindeutige "Spielregeln" des Miteinander in der Familie werden vereinbart. In Folgesitzungen werden neue Erfahrungen im Zusammenleben durchgesprochen. Zu den Regeln gehört auch ein gewisses Maß an Kontrolle, zum Beispiel bezüglich des Hortens von Nahrungsmitteln. Verhaltenstherapeuten empfehlen, dass die an Bulimie Erkrankten ein "Ess-Protokoll" führen, d. h eine Art von Speise- und Stundenplan. Im besten Fall sind dabei auch Fortschritte ablesbar, bzw. Situationen, in denen es mit reguliertem Essverhalten nicht geklappt hat, so dass dann im Arzt-Patientengespräch eine Ursachensuche für die Entgleisung beginnen kann. "Kritische" Situationen für Rückfälle in gestörtes Essverhalten können somit analysiert werden.

Der behandelnde Arzt wird neben dem klärenden Gesprächen die Erkrankte natürlich auch körperlich und labor-medizinisch untersuchen. Es ist dabei auch seine Aufgabe, auf wichtige psychische Begleiterkrankungen der Bulimie, wie Depressionen und süchtige Abhängigkeit von Alkohol, Tabletten und Drogen zu achten.

Manchmal sind ärztliches Gespräch und medizinische Führung der Patientin nicht ausreichend. Dann bedarf es gezielter (zumeist verhaltenstherapeutischer) ambulanter oder stationärer Psychotherapie. Eine wichtige Ergänzung professioneller Hilfe kann auch das offene Gespräch unter gleichermaßen Betroffenen im Rahmen von Selbsthilfegruppen sein. Es hilft, die Scham zu überwinden, aus Vereinzelung und Heimlichkeit herauszukommen und stärkt die eigene Verantwortung für das weitere Krankheits- und Lebensschicksal. Die Anschriften solcher Selbsthilfegruppen in der Nähe des Wohnortes kann man über den behandelnden Arzt, über örtliche Gesundheitsämter oder aus der Tagespresse erfahren.

Im Einzelfall kann auch eine unterstützende (ggf. auch ursächlich wirksame) medikamentöse Therapie sinnvoll sein. Bewährt haben sich unter anderem Antidepressiva vom Typ der selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmer. Diese normalisieren das Essverhalten, unterdrücken Heißhunger auf Kohlenhydrate und gleichen depressive Verstimmungszustände aus. Ein Suchtrisiko besteht nicht.

So erreichen Sie uns

LWL-Klinik Hemer
Hans-Prinzhorn-Klinik
Frönsberger Straße 71
58675 Hemer
Tel.: 02372 861-0
Fax: 02372 861-100

» E-Mail-Anfrage senden

Pressespiegel

Grundsteinlegung

Grundsteinlegung für neues Krankenhausgebäude

» weiterlesen


Bernhard Klösel

"Beruflich alles erreicht, was mir wichtig war!"

» weiterlesen

Zertifikat seit 2013 audit berufundfamilie

KTQ-Zertifikat

DDBT Zertifikat Gold