Was ist eine Borderline-Persönlichkeit?

Über die Persönlichkeit des Menschen und verschiedene Persönlichkeitstypen ist viel gesagt und geschrieben worden. Zum Glück gibt es den völlig normalen Menschen nicht. Wir alle weisen in unseren Persönlichkeitscharakteristika Abweichungen von einer - wie auch immer gearteten - Durchschnittsnorm auf. Diese Abweichungen können aber unter Umständen so erheblich sein, dass sie eine befriedigende Bewältigung des Alltages verhindern, persönliche Entwicklungschancen blockieren, und wir auch mit unseren Verhaltensauffälligkeiten eines Einzelnen seine mitmenschliche Umwelt belasten. In einem solchen Fall spricht man von Persönlichkeitsstörung. Eine besonders tiefgreifende Persönlichkeitsstörung stellt die sog. "Borderline-Persönlichkeit" (engl. Borderline = Grenze) dar.

Es handelt sich um Menschen, die stabil in ihrer Instabilität sind. Immer wieder kommt es bei den Betroffenen zu extremen Schwankungen zwischen gefühlsmäßigen "Hochs" und "Tiefs". Borderline-gestörte Persönlichkeiten denken und fühlen in einer Art von Schwarz-Weiß-Raster. So bewerten sie auch Persönlichkeiten ihrer nächsten Umgebung. Wenden sie sich an einen Arzt oder Therapeuten, wird dieser beispielsweise zu Beginn der Behandlungsbeziehung mit riesigen Erwartungen und einem "totalen" Vertrauensvorschuss bedacht, was dann mehr oder minder zwangsläufig in extreme Enttäuschung einmündet, wenn der oder die Behandler dem nicht entsprechen. Ebenso verfahren Borderline-gestörte Menschen mit sich selbst, erwarten von sich riesig viel und sind grenzenlos enttäuscht, wenn sie selbst oder widrige Umstände es nicht zuließen, das hohe gesetzte Ziel zu erreichen.

Welche persönlichkeitspsychologischen Ursachen gibt es?

Menschen mit einer Borderline-Störung weisen eine besondere Fragilität (Brüchigkeit) im Kernbereich der Persönlichkeit, dem in der Sprache psychoanalytischer Objektbeziehungstheorien sog. "Selbst" auf. Alltagssprachlich würde man sagen, ihnen fehlt so etwas wie ein ruhender Pol in ihrem Inneren oder ein stabiler Kern ihrer Persönlichkeit. Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeit können sich nicht vorstellen, dass sie um ihrer selbst willen gemocht werden; im tiefsten Inneren ist nicht ein Gefühl von Urvertrauen in sich selbst, in die eigenen Stärken und Schwächen, sondern Leere, Angst und Depressivität.

Auf die unterschiedlichste Art und Weise bauen Borderline-gestörte Menschen Schutzhüllen um ihr stark verletzliches Selbst auf. Sie können sich beispielsweise nach außen als "coole Machertypen" darstellen, oder aber vielfältige psychische und psychosomatische Störungen "demonstrieren", um Aufmerksamkeit und Zuwendung von der Umwelt zu bekommen.

Andere Menschen werden so instrumentalisiert: Sie werden nicht als wirkliche, symmetrische Beziehungspartner mit Stärken und Schwächen angesehen; vielmehr ist es im Verständnis des Erkrankten gleichsam die Aufgabe seiner Umwelt, ihn ständig zu bestärken, verstärkend zu unterstützen, ihm auf irgendeine Art und Weise etwas zu geben. Mangel an "gesunder Selbstliebe" wird ersetzt durch ein exzessives Einfordern von Aufmerksamkeit, Verständnis und "Liebe" anderer. Diesen Mangel an gesundem Selbstvertrauen und Wertschätzung der eigenen Person bezeichnet man auch als narzisstisches Defizit. Die Ausbeutung anderer Menschen zur Befriedigung dieses tiefverwurzelten Defizits bezeichnet der Fachmann als "narzisstische Fütterung".

In ihrem (unbewussten) Streben andere Menschen zu instrumentalisieren und zu manipulieren, bewirken Borderline-gestörte Menschen in ihrer Umgebung häufig Spaltungen. Gemeint ist damit, dass Borderline-gestörte Menschen dazu neigen, zwischenmenschliche Beziehungen in "Gut" und "Böse" aufzuspalten. Entweder ist jemand der absolut beste Freund, stets verfügbar und grenzenlos verständig, oder er erscheint dem Borderline-Gestörten in abgrundtiefer Enttäuschung als ein Mensch, auf den überhaupt kein Verlass ist, als falsch und schlecht. Brauchbare Integrationslösungen und Kompromisse treffen Borderline-Persönlichkeiten kaum.

Wie ist das Beschwerdebild?

Die von Borderline-gestörten Menschen geklagten Beschwerden sind vielgestaltig. Im tiefsten Inneren bestehen fast immer Gefühle der Leere und einer Art von Schwermut. Das leibliche und seelische Befinden ist beeinträchtigt und Schwankungen unterworfen. Gemeinsamer Nenner ist jedoch, wie eingangs erwähnt, das Stabil-Instabile. Zeiten guter Verfassung wechseln oft recht unvermittelt und für die Umwelt kaum nachvollziehbar mit schlechten, und alltägliches Verhalten schlägt um in gravierende Verhaltensauffälligkeiten.

Dies hat mit der beschriebenen Instabilität in der Persönlichkeit Borderline-gestörter Menschen zu tun. Sie sind also Personen, die ständig im Grenzbereich zwischen psychischen und physischem Zusammenbruch und Reorganisation leben. Der brüske Wechsel in Verhalten und Verfassung von Borderline-Persönlichkeiten ist nicht nur belastend für die Betroffenen selbst, sondern auch für ihre Umwelt. Sie erscheinen als wenig kalkulierbare und wenig verlässliche Menschen.

Manchmal leidet die Umwelt mehr als die Betroffenen selbst. Das führte in früherer Zeit dazu, dass man Boderline-gestörte Menschen mit dem negativen Stempel des "Psychopathen" versah. Man unterstellte, dass die Betroffenen sich nicht ändern wollten und keinen eigenen Leidensdruck hatten. Im Abschnitt über die Behandlung wird zu zeigen sein, dass dem in der Regel nicht so ist.
Bei aller nach außen gezeigten Fassade erspüren Menschen mit einer Borderline-Störung häufig ihre tiefliegende Defizite. Die tiefsitzende Angst, Leeregefühle und Depressivität werden abgewehrt mit hypochondrischen Reaktionen, führen aber auch oft zu depressiven Verstimmungszuständen. Die ausgeprägten Verhaltensschwankungen führen oft dazu, dass sich Borderline-gestörte Menschen zunehmend isolieren, partnerschaftlich und beruflich nicht recht Fuß fassen. Das verstärkt häufig sekundär die negative Selbsteinschätzung und die Neigung zur Depression.

Um sich selbst irgendwie zu spüren, gibt es auch Borderline-Patienten, die sich selbst Verletzungen beibringen oder aber "auf Raten" selbst schädigen, zum Beispiel durch exzessiven Alkohol- und Drogenmissbrauch. Die Neigung zur Instabilität im Psychischen bedingt oft aber auch für durch die Betroffenen selbst schwer kontrollierbare, heftige Reaktionen gegenüber der Umwelt mit aggressiven Zügen (Gereiztheit, Zorn, Wut, Erregungszustände). Wiederum gibt es Borderline-gestörte Menschen, die das Gefühl innerer Leere und Depressivität durch willkürlich herbeigeführtes rauschhaftes Erleben, zum Beispiel Glücksspiel oder sexuelle Exzesse, überdecken.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Am Anfang ist es sowohl für die Betroffenen selbst als auch für ihre Angehörigen wichtig anzuerkennen, dass es sich um krankheitswerte Verhaltensabweichungen und psychische Störungen handelt. Dies fällt schwer. Oft wird jemand einfach als schwieriger Charakter, als unleidlicher Mensch oder, wie oben schon gesagt, als "Psychopath" beschrieben, der sich schon anders verhalten könnte, wenn er nur wollte. Da es sich bei der Borderline-Persönlichkeit um eine tiefgreifende Störung im Kernbereich einer Person handelt, ist der psychotherapeutische Zugang langwierig und schwierig.

Am Anfang steht der Aufbau einer tragfähigen Arzt-Patienten-Beziehung. Dies ist deshalb nicht leicht, weil gerade Beziehungsstörungen ein zentrales Problem des Borderline-Patienten sind. An den Behandler ist die Anforderung gestellt, die immer neuen Erprobungen der Belastungsfähigkeit der Beziehung durch den Borderline-gestörten Patienten aus- und durchzuhalten, einen "goldenen Mittelweg" von Distanz und Nähe zu finden.

In der therapeutischen Führung von Borderline-Patienten ist es wichtig, immer wieder innezuhalten, den Stand der Beziehung zu reflektieren, realistische und unrealistische Erwartungen des Patienten zu reflektieren und ggf. zu korrigieren. Immer wird man auf das bereits beschriebene "Schwarz-Weiß-Muster" stoßen. Es kommt im therapeutischen Gespräch darauf an, realitätsnahe Zwischentöne zu vermitteln, riesige Erwartungen, abgrundtiefe Enttäuschungen auf ein realistisches mittleres Maß zurückzuführen.

In ähnlicher Weise sollten sich Angehörige verhalten. Die Frage darf nicht lauten, entweder völlig vereinnahmt zu werden oder gänzlich zurückgestoßen zu sein. Es gilt, so etwas wie die "goldene Mitte" zu finden. Alles was die Autonomie des Betroffenen stärkt, was gesundes Selbstvertrauen fördert und für ihn erreichbare Ziele beinhaltet, sollte bekräftigt werden.
Manchmal sind die Schwankungen in der psychischen Verfassung und im Verhalten so stark, dass sich stimmungsausgleichende und stabilisierende Medikamente für einige Zeit nicht umgehen lassen. Zu deren Wirksamkeit ist jedoch einschränkend zu sagen, dass es sich dabei nur um eine sog. symptomatische Behandlung handelt. Meist werden niedrigpotente Neuroleptika, Antidepressiva und Anxiolytika (zum Beispiel von Typ des Busperon) eingesetzt.

Vermieden werden sollten aber alle suchterzeugenden Medikamente, wie sie viele Beruhigungs-, Schlaf- und Schmerzmittel darstellen. Da die Störung den Kernbereich der Persönlichkeit betrifft, liegt es nahe, dass die Behandlung des Patienten durch den Arzt bei beiden viel Geduld erfordert.

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